Gerichte mit Geschichte – Ein Ausflug in die böhmische Küche

Vor fünf Jahren steckte ich mitten im Umzug. Wien sollte ich hinter mir lassen und im südlichen Niederösterreich meine neue Heimat finden. Kästen und Schubladen mussten geleert und alles in Kisten verpackt werden. Also kramte und kramte ich und zwischen all dem Gerümpel, der sich so über Jahre angesammelt hatte, fiel mir ein kleines Büchlein in die Hände. „Schreyek Anna“ stand in zarter Feder geschrieben drauf. Es war der Mädchenname meiner Oma.

Das Hefterl – es glich einem alten, vergilbten Schulheft – fiel schon fast auseinander. Die Heftklammern, die üblicherweise die Innenseiten mit dem Heftrücken zusammenhielten, waren nicht mehr vorhanden. Die linierten Blätter flatterten heraus. Vorsichtig sammelte ich die Seiten ein. Seite für Seite. Es waren die handschriftlichen Rezeptaufzeichnungen meiner Oma. Speisereste klebten an den Seiten. Das persönliche Rezeptheft kam wohl oft zum Einsatz.

 

Behutsam blätterte ich durch die Seiten und las laut vor: Bauernbrot, Kaiserschöberl, Apfelnocken, Streusel-Zwetschkenkuchen, Rumschnitten,….

Es waren dies alles Lieblingsgerichte meiner Oma.  


Das drei Generationen Match: Böhmische Liwanzen

 

Und dann entdeckte ich das Rezept der Böhmischen Dalken bzw. Liwanzen. Gleichzeitig kamen die Erinnerungen an meine Oma und die böhmische Küche, die sie so sehr liebte. In meiner Kindheit war das immer ein großer Tag, wenn sie Liwanzen machte. Dann wurde die gesamte Wohnung im Nu in einen sanften Duft nach süßer Backstube gehüllt. Die Ungeduld nach dieser leckeren Süßspeise wurde immer größer. So viel zu dem kleinen Heft, in dem so viel Geschichte steckt. 

Nach dem Tod meiner Großmutter, hat das Liwanzen Backen meine Mutter übernommen. Unlängst probierte ich das Rezept selbst einmal aus und es klappte auf Anhieb.

 

Jetzt muss ich allerdings einmal das Geheimnis lüften und das Rätsel lösen, was Liwanzen sind. Liwanzen sind Dalken. Sie sind eine traditionelle Süßspeise der böhmischen Küche. Die Dalken, die aus einem dickflüssigen Germteig hergestellt werden, werden in einer speziellen Pfanne mit muldenartigen Ausnehmungen herausgebacken.

Traditionell werden die Dalken mit einem Powidl-Zimt-Rum-Gemisch bestrichen. Aber auch eine Mischung aus Mohn, Zucker und Zimt ist sehr gebräuchlich und lecker.

Die Originalpfanne hat meine Mutter bzw. habe ich leider nicht mehr. Eine Spiegeleipfanne tut´s allerdings auch und funktioniert wunderbar! 

 

Das Rezept und die Liebe zu den Liwanzen habe ich von meiner Oma geerbt, die Tricks, von meiner Mutter übernommen. Heute lüfte ich das zuckersüßes Küchengeheimnis der böhmischen Süßspeisenklassiker. 


Zutaten für 2 bis 4 Personen

Zubereitungszeit: 20 Minuten + 30 Minuten Ruhezeit

Für Hobbyköche

  

400 g Weizenmehl glatt

40 g frische Germ

0,5 l Milch

2 Eier

1 Eidotter

½ TL Meersalz aus der Mühle

1 TL abgeriebene Schale einer Biozitrone

30 g zerlassene Butter

 

1 Glas Powidl

½ TL Zimt

1 EL Feinkristallzucker

4 cl Rum

Pflanzenöl zum Herausbacken

 

So funktioniert´s

Die Milch erwärmen, Germ in ein Glas bröseln. 1 TL Zucker mit 2 TL Milch mit der Germ glatt rühren und an einem warmen Ort zu einem Dampfel gehen lassen.

Butter zerlassen. Eier, Eidotter, Salz, Zitronenschale, die zerlassene Butter und das Dampfel in einer Rührschüssel gut verrühren.

Mehl und warme Milch abwechselnd dazu geben, so dass ein glatter, dickflüssiger Teig entsteht. Den Teig an einem warmen Ort um das Doppelte aufgehen lassen.

In die Vertiefungen der Pfanne etwas (ca. 1 TL) Pflanzenöl geben, Teig mit einem Schöpflöffel hineinfließen lassen und von beiden Seiten goldgelb backen. Den

Teig in gleicher Weise weiter verarbeiten, bis er aufgebraucht ist. 

Die fertigen Liwanzen im warmen Backrohr warm halten.

 

Powidl erwärmen, mit Zimt, Zucker und Rum glatt rühren und abschmecken und auf die Liwanzen streichen.

Damit holen wir uns ein Stück Geschichte und böhmische Tradition auf den Teller

 

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